Die Kurtisane von Venedig  Veronica Franco 
 Cara Ludovica -
 
 
 

Rezension von Helga Dickert

Möchten Sie einmal in eine ganz andere Welt eintauchen? Eine Welt der betörenden Sinne, der Lust, des Genießens in einem ganz anderen Jahrhundert, in einer ganz anderen Gesellschaftsordnung? „Eine Woge der Erregung erfasste sie, streichelte sie sanft und weich von den Haarspitzen bis zu den Zehen“. (S. 76) So die Hauptfigur im 1, Band der Trilogie. Aber auch eine Welt der Ungerechtigkeit, der Kriege, der Unterdrückung der Frauen. Eine Welt der Gegensätze – hier die reiche Patrizierfamilie, die ehrbare Kurtisane, die von ihren wohlhabenden Galanen hofiert und verehrt wird  und dort die arme Bevölkerung, die Welt der Dienstboten, der Abhängigen, der Puttanas, die als Dirnen unter der Rialtobrücke landen. Das alles finden Sie in Venedig, der herrlichen Lagunenstadt im Mittelmeer. Schon damals in der Renaissance eine der schönsten und bedeutendsten Städte der Welt, auch für Künstler und Kurtisanen.  Die Autorin Cara Ludovica ist verliebt in diese Stadt und hat sie für ihre langjährigen Recherchen mehrfach besucht, um dann in ihren Romanen Fiktion und historische Begebenheiten zu verbinden.  Wie viele sehr junge Frauen mit Mitgift wird Veronica mit einem ungeliebten Mann verheiratet und ist nun sein Eigentum.  Als sie ihre große Liebe trifft, verlässt sie dieses Gefängnis. Doch zwei Jahre später steht sie mittellos und ohne wirtschaftliche und soziale Absicherung da. Den einzigen Ausweg bietet der Beruf der ehrbaren Kurtisane, der einzigen Profession, die es Frauen ohne Vermögen erlaubte, unabhängig zu leben. Über ihre Sinnlichkeit und ihre Liebeskünste hinaus, verfügt sie über Bildung, sie kann lesen und schreiben, spricht fremde Sprachen und dichtet. „Sie war gebildet, konnte Laute spielen, sich unterhalten, sie war jung, man sagte, sie sei schön“. (S. 267) Im Katalog der Kurtisanen „cataloga de tutte le principal et più honorate cortigiane di Venetia“ im Jahr 1563 findet sich ein Eintrag der Veronica und ihrer Mutter Paola. Wie kann sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass sie sich anderen Männern hingibt, ohne ihre große Liebe zu verraten? „Welchen Unterschied machte es schon, sich dem ungeliebten Mann hinzugeben oder einem Mann, der für diesen Dienst zahlte“. (S. 268)  Wird es ihr gelingen, dieses Leben erfolgreich zu führen? Mit ihrem anschaulichen Schreibstil, den treffenden Dialogen – die Sprache der Zeit angepasst -, der Verbindung zu historischen Ereignissen, gelingt es der Autorin wunderbar, Spannung aufzubauen, sodass man mit Veronica und ihrem Schicksal mitfiebert. Veronica Franco ist kein escort girl, das nüchtern und mit kühler Berechnung ihr Geschäft betreibt. Sie arbeitet zwar auch für Geld, aber mit viel Herz, Sinnlichkeit und Verstand. „Den Göttinnen der Liebe ist es erlaubt, mehrere Männer mit ihrer Liebeskunst zu erhöhen“. „Behalte ihn (den Geliebten) in deinem Herzen als denjenigen, der über die Göttin verfügen kann, über die anderen verfüge du“. (S.431) Veronica ist für die damalige Zeit eine selbstbewusste mutige Frau, die ihr kleines Unternehmen mit einem beachtlichen Hofstaat professionell führt. Sie weiß, dass sie bei Misserfolg von keinem sozialen Netz aufgefangen wird. Trotzdem möchte sie ihre Unabhängigkeit bewahren und wartet weiterhin auf ihre große Liebe.  Wird sie Giacomo wiedersehen? Wird er ihren Beruf akzeptieren? Hat er die Seeschlacht von Malta überlebt? Wurde er von den Osmanen getötet oder ist er seinen Feinden als Sklave ausgeliefert? Die Antworten finden Sie im 2, Band der Trilogie. Freuen Sie sich auf ein weiteres spannendes und lustvolles Lesevergnügen!